Privatsphäre auf Reisen

von root

Neulich sind wir über folgenden Post in Instagram „gestolpert“: LINK. Dabei stach uns eine Aussage in Bezug auf Overlanding besonders ins Auge: Privatsphäre wird zum Luxus! Gerne möchten wir dieses Statement aufgreifen, denn wir empfinden es genauso. Am Anfang in Europa zunächst weniger, dafür jetzt umso mehr. Wobei: Es gibt 2 Arten von Privatsphäre für uns. Eine voreinander, die andere: Unsere vor anderen. Bei erster ist klar, daß man – also wir – auf engstem Raum zusammenleben, 24/7. Bis auf das abtrennbare Bad gibt es keinen wirklichen Rückzugsort, und Boris Vorschlag mit einem „Bettvorhang“ fand nicht meine Zustimmung 😉. Alternativ in der Fahrerkabine hocken, während der andere im Wohnkoffer ist, ist auch nicht wirklich gemütlich. Aufgrund von Hitze, Sturm, Sand o.ä. hatten wir in letzter Zeit unsere gemütlichen Stühle auch weniger oft vor unsere „Haustür“ stellen können, ergo: Man verbringt viel Zeit im Wohnkoffer zusammen, immer in Sichtweite des anderen. Und die „Freilauffläche“ in unserer Box ist begrenzt, d.h. man steht sich oft gegenseitig im Weg. Es gibt viele Tage, da ist dies ok., reisen wir doch sehr gerne zusammen. Und andere, da bräuchte man einfach seine Ruhe, was dann jedoch nicht möglich ist. Und hierbei geht es nicht darum, wenn einer krank ist, und tatsächlich Ruhe zur Erholung bräuchte. Nein, es geht um die eigene Privatsphäre, nicht immer „beobachtet“ zu werden, oder sich zumindest so zu fühlen, sich „frei und ungehindert“ bewegen zu können.

Aber insbesondere die Privatsphäre vor anderen fehlt uns; fehlt uns häufiger, als daß wir dieses zu Anfang geglaubt hätten. Der Spruch von Reisenden, daß es „kein Problem sei, auf so kleinem Raum unterwegs zu sein, denn man hat ja die große, weite Welt direkt vor der Haustür“ ist zwar richtig, aber in diesem riesigen „Vorgarten“ tummelt sich „jeder“, denn einen Gartenzaun hat der eigene „Garten“ normalerweise nicht. Leute klopfen, nein, sie hämmern plötzlich an deine Haustür, um etwas mitzuteilen oder zu fragen. Sie stehen direkt unter deinem offenen Schlafzimmerfenster, während du im Bett noch nach Schlaf ringst, und reden über dich, als ob du nicht vorhanden wärst. Sie zählen lautstark die Flaggen an deiner Fahrertür auf, oder: Stehen mit ihrem Auto frontal vor deinem Küchenfenster und machen Fotos von deinem Zuhause, während man den Abwasch erledigt. Patsha wird plötzlich zum Gegenstand öffentlichen Interesses, ob man will oder nicht. Was am Anfang noch cool und nett war, wird immer mehr „zur Gewohnheit“, bis hin, daß man sich doch manchmal einen Gartenzaun wünscht. Oft ist es so, daß man nicht einfach nur Ruhe braucht, sondern die gesamte Kommunikation ist zudem „sehr anstrengend“. Man kommt geschafft, nach vielen Stunden Fahrt, an einem Platz an, will nur noch gut und möglichst ausgeglichen stehen, dann prasselt schon die erste Kommunikationswelle des Platzbetreibers – oder anderer Gäste – über einen herein. Wir sind daher immer dankbar über jene, die uns erstmal nur mit dem Nötigsten, was man für den Platz wissen muß (Duschen, Wasser, andere Infrastruktur) versorgen, und auch nur ein kurzes „Hallo“ von anderen Reisenden, mit dem Verständnis, daß man erst einmal „ankommen“ muß, begrüßen wir sehr. Wir sind absolut keine Kommunikationsmuffel; gerne quatschen wir länger und persönlicher, wenn wir mal durchgeschnauft haben. Stehen wir auf einem Supermarktparkplatz oder ähnlichem, sind die Fragen immer dieselben, zeitweise sogar richtig fordernd, so daß wir zwar freundlich, aber vermutlich nicht mehr so inbrünstig wie vor Jahren antworten. Meistens ist „das Interview“ immer nett und ehrlich interessiert gemeint – abgesehen von der Preisfrage nach unserem Fahrzeug ☹ -, sind doch Patsha oder unsere Reise für den Fragesteller „ungewöhnlich“. Aus unserer Perspektive läuft es jedoch immer gleich ab, und wir möchten definitiv nicht brüsk oder unfreundlich erscheinen.

Natürlich wird es den meisten von Euch auch nicht anders ergehen: Im Job gehört i.d.R. ein gewisses Maß an Kommunikation mit dazu, und diese ist bestimmt auch nicht immer nur nett und freundlich. Aber zumindest im privaten Bereich kann man dann doch „die Tür hinter sich zuziehen“, oder stellt einfach den Fernseher auf laut. 😉 Bei uns gibt es jedoch diesen „privaten Bereich“ nicht mehr so in der Form wie früher, und dies unabhängig von unserer sozialen Medienberichterstattung. Wir können zwar unsere Shades vor den Fenstern zumachen, so daß wir gefühlt ein kleines, abgeschlossenes Habitat haben, aber wir haben schlichtweg keine Ziegelwände. In diesem Moment, in dem diese Zeilen entstehen, trainiert gerade eine Fußballmannschaft wenige Meter von uns entfernt, um 20.45 Uhr, aber es waren ja wir, die uns hierher gestellt haben… Fotoscheu sollte man auch nicht sein, egal, ob man dazu aufgelegt ist oder nicht, oder sich mal wieder – wie jeden Tag auf der Reise – nicht sonderlich gestylt hat. Natürlich könnte man auch „nein“ sagen, aber oft wird man gar nicht mehr gefragt, sondern man steht „plötzlich“ zu dritt oder gleich mit der ganzen Familie zusammen mit uns vor unserem Zuhause, wird umarmt, auch wenn man sich überhaupt nicht kennt, und jemand anderer macht „Erinnerungsfotos“. Lächeln und Daumen hoch können wir. 😉 Wir genießen daher sehr die Plätze, an denen wir alleine stehen, und ein wahrer Luxus ist es, wenn tatsächlich mal keiner, oder nur ganz wenige, vorbeikommen.

Was die Kommunikation unterwegs anbelangt, so gibt es natürlich nicht nur die Kommunikation mit anderen Reisenden oder „interessierten Besuchern an unserer Haustür“, sondern auch die Kommunikation in Supermärkten, Tankstellen, Behörden, usw. Wie im „echten“ Leben. 😉 Einerseits ist unser Spanisch noch nicht flüssig genug – wir erinnern da gerne an einen unserer letzten Berichte -, um Dinge oft schnell und einfach zu klären. Auf der anderen Seite hat man jedoch auch oft mit Abläufen zu tun, die gefühlt endlos dauern, oder nicht nachvollziehbar sind. Und das, obwohl wir als Deutsche doch schon Weltmeister im Erstellen von Regeln und komplizierten Prozessen sind, und daran gewöhnt sein sollten. Ergo: Immer schön Geduld haben, hat man doch ein gewisses Anliegen oder Interesse, und ist schließlich auch Gast in jenem Land, und dazu gehört für uns: Respektvoll mit anderen umgehen, die nicht immer etwas dafür können! (Was natürlich in jedem Land, auch in der Heimat, so sein sollte!)

Jetzt haben wir versucht, den Bogen aus unserer Perspektive zu spannen: Von „fehlender Privatsphäre“ bis hin zu „für uns anstrengender Kommunikation“, die manchmal daraus resultiert. Wenn man dies positiv formulieren möchte, so müßte es lauten: Genieße als Overlander für dich interessante Begegnungen und Gespräche! Bewahre dir den Freiraum und lasse ihn auch anderen (Reisenden)! Erfahrene Reisende wissen darum.

Und da wir unseren letzten Beitrag über die Lagunenroute in Bolivien vorgezogen hatten, geht es ab jetzt wieder in der richtigen Blog-Reihenfolge weiter. 😉

(Musik von: https://www.musicfox.com/)
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