Der Preis der Freiheit (Teil 3/3)

von root

Dieses ist unser letzter Beitrag zu unserer Trilogie „Der Preis der Freiheit“, und soll mit der Kategorie „Reisealltag“ die anderen beiden Berichte abrunden (Link Teil 1, Link Teil 2). Folgende Punkte sind uns hier ein- bzw. aufgefallen:

  1. Kein (regelmäßiges) Gehalt: Wir könnten auch theoretisch von unterwegs arbeiten, aber definitiv nicht in den Berufen, die wir früher ausgeübt hatten. Insofern möchten wir an dieser Stelle nicht jene Szenarien oder Möglichkeiten skizzieren, die für andere relevant sind, die von unterwegs arbeiten, denn für uns ist es einfach so: Wir haben kein Einkommen mehr! Das heißt, das zuvor Ersparte muß für die eigene Lebensplanung reichen. Als Konsequenz bedeutet dies: Wir achten genau darauf, wofür wir Geld ausgeben, bzw. daß wir günstig einkaufen und günstig Diesel tanken. Ein No-Go wäre auch, regelmäßig auf kostenpflichtigen Stellplätzen zu stehen, denn dieses würde einfach unser Budget sprengen; selbst, wenn diese „nur“ 10 € die Nacht kosten würden. Auch gehen wir nur ganz selten in ein Restaurant, sondern kochen selber, um die Kosten im Rahmen zu halten. Schließlich macht es auch sehr viel Spaß, an tollen Orten im Freien zu essen, auch wenn wir uns manchmal sehnlichst in ein leckeres Steak-Restaurant wünschen. 😉 Unsere Kostenverteilung von unserer Europa-Reise hatten wir HIER aufgelistet, ohne auf den absoluten Wert einzugehen. Aber Ihr seht: 1/3 Dieselkosten, 1/3 Lebensmittel, 1/3 Sonstiges – und in jener Übersicht sind nicht nur unsere laufenden Kosten, sondern auch unsere Fixkosten, wie z.B. Versicherungen, Homepage-Kosten, Telefonkosten, etc., enthalten. Diese grobe Verteilung gilt auch hier wieder für unsere Reise in Nordamerika. Insofern ist es wichtig, daß man sich vor einer solchen Lebensveränderung klar macht, wie weit man mit seinen Ersparnissen kommen, bzw. für wie lange man sich vielleicht auch nur eine solche Auszeit leisten kann. Der nachfolgende Punkt schließt sich insofern diesem an:
  2. Reduktion auf die Basics: Einerseits durch das zur Verfügung stehende finanzielle Polster bedingt, andererseits aber auch, weil man „Reisen lebt“, ändert sich der eigene Fokus. Es geht darum, Geld für Essen oder Kraftstoff auszugeben, oder Instandhaltungen am Fahrzeug. Es geht nicht mehr darum, seinen Garten oder sein Haus noch mehr zu verschönern, oder Geld für noch mehr Klamotten oder kostspielige Unternehmungen auszugeben. Es geht für uns darum, sich in der Natur aufzuhalten und diese zu genießen. Vor allem das macht uns glücklich.
  3. Abhängigkeit vom Wetter: Man möchte sich im Freien aufhalten, und dann regnet und stürmt es tagelang. Das Wetter ist natürlich auf einer Reise genauso gut oder schlecht wie früher zu Hause, nur: Wenn es jetzt mal „etwas länger“ schlecht ist, hat man gleich das Gefühl, etwas zu verpassen, denn man möchte ja nicht permanent in seiner „Bude“ sein. Der Vorteil ist natürlich, diese „Bude“ hat jetzt Räder und ist mobil, aber manchmal hilft auch dieses nicht, einem großen Schlecht-Wetter-Gebiet zu entkommen. Auch bedeutet es, bei manchen Wetterereignissen besser zu planen, d.h. kommt Frost, dann bauen wir unsere TTT (Trockentrenntoilette) um, da sonst die äußeren Leitungen zufrieren könnten. Oder wir versuchen, Patsha immer mit der Front gegen die Windrichtung zu stellen, um so die Geräusche und die Fahrzeugbewegung besser zu dämpfen (unsere Sandbleche können „so superschön singen“ und unsere Kabine dazu „so fantastisch tanzen“ 😉). Bei uns bislang nicht der Fall gewesen, aber wir lesen bei anderen Reisenden, daß sie mit Hochwasser oder Tornados zu kämpfen hatten. Insofern ist es wichtig, informiert zu sein und zu bleiben. Um zu wissen, wie das Wetter so wird, helfen diverse Apps – wenn auch das Wetter immer noch nicht verläßlich vorausgesagt werden kann. Aber, um überhaupt Infos hierüber zu erhalten, braucht man natürlich „Netzzugang“, denn alleine auf Notfall-Push-Nachrichten sollte man sich nicht verlassen:
  4. (Limitierter) Informationszugang bzw. Netzempfang: Wir würden es sehr begrüßen, wenn es als Alternative zum Starlink System weitere Anbieter gäbe und hier ein echter Wettbewerb existieren würde. Aber de facto ist das System von Elon Musk das einzig Brauchbare mit hinreichend internationaler Verfügbarkeit und nur dank diesem haben wir hier in Nordamerika einigermaßen verläßlich Netz. In Europa ist dieses System unserer Meinung nach nicht nötig, da die normale Funknetzabdeckung top ist und die SIM-Karten günstig, aber seit wir über den großen Teich gewechselt sind… Was also am Anfang unserer Reise in Nordamerika ein Manko war – und damit ein „Preis der Freiheit“ –, ist es mittlerweile nicht mehr (es sei denn, man steht unter Bäumen). Wir sind genauso informiert wie früher in vertrauter, heimischer Umgebung. Vielleicht sogar auch mehr, da mehr Zeit für’s Lesen von Informationen bleibt. Jedoch kostet dieser Luxus, sogar mehr als in Deutschland, und gerade gab es für unsere Region eine 20%-ige, monatliche Abo-Erhöhung! ☹ Aber für uns gehört dies mittlerweile zu den „Basics“ mit dazu.
  5. Ständige Organisation: Es sind Themen wie: „Wo übernachten wir heute (sicher und schön)?“, „Wo bekommen wir wieder frisches Wasser?“, „Wo kann ich Lebensmittel auffüllen?“, „Reicht die (heutige) Batteriekapazität?“, „Wo kann ich meinen Müll fachgerecht entsorgen?“, „Wann und wo macht es Sinn, wieder zu tanken?“, usw., die einen bewegen, natürlich neben dem Zeitaufwand für die Routenplanung und auch dem Aspekt, daß man sich an die maximale Aufenthaltsgenehmigung in einem Reiseland halten muß und diese nicht aus den Augen verliert („Visa“-Planung gehört außerhalb Europas für jedes Reiseland zwingend mit dazu; ein Hoch auf den grenzenlosen Schengen-Raum!). Während früher die Basics, wie z.B. Strom, einfach aus der Steckdose kam oder das Wasser aus dem Wasserhahn floss – vorausgesetzt, man hat immer artig seine Rechnungen bezahlt! 😉 –, so bedeutet Reisen eine immerwährende Organisation von Lebensnotwendigem, neben der Planung der eigentlichen Reiseroute. Von manchen Reisenden wissen bzw. lesen wir, daß sie genau diese Art der ständigen Organisation „müde“ macht, und sie sich wünschen, in einer vertrauten Umgebung oder doch noch länger an einem Ort zu bleiben. Wir für uns empfinden diese Orga-Punkte eher als „angenehme Routine“, denn als Belastung, wobei wir zugeben müssen, daß diese andauernde Organisation auch eine gewisse „Grund-Anspannung“ mit sich bringt. Anspannung deshalb, weil man trotz iOverlander oder Park4Night – welche schon eine wertvolle Hilfe sind!!! – nie genau weiß, ob Dinge auch klappen werden und nicht alles ist dort selbstverständlich gelistet. Wenn wir mal den Aspekt „Finden wir eine geeignete Werkstatt für Patsha?“ ausklammern, empfinden wir diesen Orga-Punkt vielleicht auch deswegen als keine wirkliche Belastung, da wir in den Ländern, die wir bislang bereist haben, hiermit keine wirklichen Probleme hatten. Insbesondere der Wechsel des Übernachtungsplatzes, und damit die Chance auf neue, faszinierende Eindrücke, ist für uns einer der Gründe, warum wir reisen. Dennoch heißt es jeden Tag auf’s Neue: Flexibel sein, Alternativen ausloten, stetig veränderungsbereit bleiben. Was man jedoch nicht unterschätzen darf, ist der zu investierende Zeitaufwand für diese Flexibilität bzw. auch die Bereitschaft, hierfür mehr Kilometer zu fahren, denn man muß erstmal herausfinden, wo man dieses oder jenes herbekommt, da man sich permanent auf Neuland befindet.
  6. Immerwährende Veränderungs- und Aufnahmebereitschaft: Jeden Tag neue Eindrücke, jeden Tag ein neues Umfeld, sich permanent anpassen und auf Veränderungen einlassen – alles natürlich abhängig von der eigenen Persönlichkeit sowie Reisegeschwindigkeit. Unsere eigene Komfortzone wird auf Reisen schon deutlich aufgeweitet, wenn nicht gar sehr oft verlassen. Es ist ein Wechselbad der Gefühle zwischen „absoluter Faszination“ und „gelegentlicher Frustration“; mal ist man im „Flow“, mal ist es „einfach nur anstrengend“. Jetzt ist es nicht so, daß wir in unseren früheren Berufen nicht schon veränderungsbereit sein mußten, oder viele „Eindrücke“ haben aufnehmen dürfen – neben dem immerwährenden Aspekt der Entscheidungsfähigkeit –, aber irgendwie ist dies auf Reise „anders“. Insbesondere der visuelle Aspekt, d.h. eine sich fortlaufend verändernde Landschaft mit all‘ ihren Lebewesen und Kulturen, ist sehr fordernd. Wir haben das Gefühl, daß die letzten 2 ½ Jahre sehr langsam verstrichen sind; so viele Bilder, Erlebnisse, Eindrücke haben wir in unserem Kopf. Schöne, aber natürlich auch nicht so schöne: Reisen prägt uns und unser Leben. Erst nach und nach wird uns bewußt, daß viele andere Reisende entweder zeitlich begrenzt reisen (z.B. für 1 oder 2 Jahre) – was natürlich auch budgettechnische Gründe haben kann –, oder für ein paar Wochen oder Monate im Jahr wieder in die Heimat zurückfliegen, um wieder in einem vertrauten Umfeld „Ruhe zu finden“. Natürlich auch, um Freunde und Familie wiederzusehen. Reisende, die seit vielen Jahren non-stop unterwegs sind, sind sehr selten. Wir zählen uns aktuell noch nicht dazu, sind wir doch nach unserem Verständnis noch nicht lang genug unterwegs.
  7. Erwartete Kommunikationsbereitschaft: Wir haben hier extra den Begriff der „Bereitschaft“ gewählt, nicht der „Fähigkeit“… 😉 Seit Anfang unserer Reise in Europa werden wir bei den für uns teilweise merkwürdigsten Gelegenheiten hauptsächlich auf unser Fahrzeug angesprochen, aber noch nie so oft wie hier in Kanada oder den USA, und an deren Ende man uns immer wieder „safe travels“ wünscht. Jetzt könnte man ein „Grantler“ sein und mürrisch reagieren – und gerade uns reisefreudigen Deutschen sagt man nicht gerade eine „offene und warmherzige“ Kommunikation nach –, aber unsere Überzeugung ist: Wir sind auf Reise Gast in anderen Ländern und dazu gehört Freundlichkeit und Kommunikationsbereitschaft. Okay, als wir dreckverschmiert unter dem Auto lagen, um etwas zu reparieren, da war auch unsere Kommunikationsbereitschaft auf die Frage: „Wo kommen wir denn her?“, „etwas auf Eis gelegt“, aber ansonsten versuchen wir, die teilweise immer gleichen Fragen freundlich zu beantworten. Auch wenn die meisten Gespräche leider eher oberflächlich bleiben – und wir haben uns mittlerweile angewöhnt, auch schnell mit eigenen Fragen den Gesprächspartner zu kontern, um die Unterhaltung auch für uns interessant zu gestalten –, so ergibt sich doch in einigen Fällen ein netter Kontakt. Auch natürlich ein Grund, weswegen wir reisen.
  8. Schlafplatz in der Öffentlichkeit: Uns fällt jetzt kein besserer Begriff für diesen Punkt ein, aber nehmt Euch mal eine Decke und einen Karton, und setzt Euch damit auf Euren Marktplatz, also: Auf die Decke setzen, den Karton über Euch stülpen, und versucht dann, zu schlafen. 😉 Ganz so extrem ist es natürlich nicht, aber – wir hatten es mal erwähnt – die wenigsten Übernachtungsplätze sind wirklich einsam, und so kommt mal ein Auto oder ein Angler oder doch eine ganze Gruppe von Schülern eines Ausfluges direkt an deinem Schlafzimmer vorbei. Ganz zu schweigen von den lauten Zügen in der Nähe. Wahrscheinlich hilft nur, jeden Tag um 5 Uhr aufzustehen, aber dieses ist nicht unser Ding. Und 6 cm GFK-Wände sind keine Betonmauern, d.h. man hört schon, wenn die Menschen vor einem entlang spazieren und sich über dich unterhalten, als wenn sie davon ausgehen, daß man sie trotz geöffnetem Fenster nicht hören kann, oder gar vor diesem stehen bleiben, um Fotos zu machen, während man sich oben in die Kissen kuschelt. Man hat nicht wirklich die Ruhe, um auszuschlafen, und auch der Begriff „Wochenende“ hat sich mittlerweile relativiert. Wir gestehen, daß wir diesen Aspekt noch von niemand anderem gehört haben; also vielleicht ergeht es nur uns so? Was ist dann mit den ganzen Campervan-Reisenden, die noch dünnere Wände haben und auf Augenhöhe der Passanten sind im Vergleich zu uns?
  9. Abhängigkeit von Hilfe aus der Heimat: Trotz Abmeldung aus Deutschland heißt dies nicht, daß wir keine Verbindung mehr zu Deutschland und seinen ganzen Institutionen und Behörden haben, bzw. alle organisatorischen Dinge haben anders lösen können, heißt: Es kommt immer noch Post „nach Hause“, die eingescannt werden muß, oder es sind u.U. noch Teile vor Ort zu kaufen und ins Ausland zu verschicken, oder man braucht jemanden, der mit einer Vollmacht in deinem Namen Dinge erledigt. Alles Aktionen, die wir früher natürlich alleine gemacht haben und wo wir jetzt auf „Hilfe“ angewiesen sind. Und wir sind sehr dankbar, daß wir diese Hilfe bekommen, hatten wir diesen Punkt doch völlig unterschätzt. Es ist für uns sehr wichtig, diese Vertrauenspersonen zu haben, bedeutet aber auch gleichzeitig, eine gewisse Selbständigkeit abgeben zu müssen. Aber wir können es nicht genug betonen: Wir sind diesen lieben Menschen sehr, sehr dankbar!

Jetzt mögt Ihr nach unserer Trilogie den Eindruck gewonnen haben, daß „der Preis der Freiheit“ für uns zu hoch ist, um dieses Leben so zu führen, wie wir es aktuell tun. Unsere Antwort hierzu ist ganz klar: „Nein“! Wir vergessen nie, was wir für diesen hohen Preis bekommen:

  • Faszinierende Natureindrücke ohne Ende
  • Interessante Bekanntschaften mit unterschiedlichsten Menschen und kulturelle Einsichten
  • Selbstbestimmtes Leben, d.h. man ist unabhängiger Herr bzw. Frau seiner eigenen Entscheidungen
  • Abwechslung pur, kein „Hamsterrad“

Es ist nicht die grenzenlose Freiheit, die „Traumfotos“ einem suggerieren – so wie wir auch unseren ersten Bericht gestartet haben –, und der Preis ist vorhanden, aber er ist es für uns mehr als wert:

DIESE UNGLAUBLICH KOSTBARE FREIHEIT ist UNSER PREIS!

 

(Musik von: https://www.musicfox.com/)

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